11.08.2014 (359 Km)
Irgendetwas macht uns gegen 7.30 Uhr wach. Bei Tageslicht sieht die Partylocation noch freundlicher aus. Die ungarische Catering Crew, die sich vor wenigen Stunden noch mit diesem Palinka Zeug aus dem Diesseits befördert hatte, steht putzmunter an den Campingtischen und serviert ungarisches Frühstück. Bitte festhalten, fettig gebackener Flachdonut mit körnigem Naturjoghurt, garniert mit Salz, Reibekäse und reichlich frischem Knoblauch. Okay, klingt komisch aber schließlich machen wir uns gleich auf Richtung Transilvanien, da kann etwas Mundgeruch nicht schaden. Schwärzester Kaffee aus Mini-Plastikbechern, jawoll, jetzt kommt S.A.C. Feeling auf, wir leben wieder auf der Straße!
Die Gefahrengemeinschaft bleibt zusammen, wir teilen Funkgeräte aus, schließlich sind wir gut organisiert. Die Franken Schleier übernehmen jetzt die Führung. Charlotte fährt und ich tippe fleißig nachdem ich festgestellt habe, dass ich in der gestrigen Nacht nach der Überschrift angesichts der Dunkelheit jegliche schriftstellerische Leistung verweigert habe.
Wir starten um 8.50 Uhr.
Während die Gegend rund um unsere Übernachtungslocation noch sehr ordentlich und landwirtschaftlich geprägt war, erwartet uns nun die endlose Gras- und Schilflandschaft der Puszta. Bislang vermissen wir noch eine zünftige Wildpferdherde.
Der Vormittag vergeht auf dem Beifahrersitz mit administrativen Aufgaben wie z.B. das Herunterladen von Fotos und Videos von den einzelnen Geräten. Es herrscht schon eine ordentliche Hitz bei gut 30 Grad und wir legen einmal einen kurzen Stopp an einem kleinen Markt an der Straße ein um dort allerlei ungarische Mitbringsel zu bestaunen. In erster Linie Peitschen, Gürtel, Hüte und erstaunlicherweise ganz viele Zwillen. Ohne Einkäufe geht es weiter auf die nächste Etappe. Uns ist klar, dass wir heute ordentlich Kilometer schaffen müssen, schließlich wollen wir bis in die Karpaten zum Geburtsort von Dracula vordringen um dort die Tagesaufgabe zu erfüllen.
Mittags essen wir auf einer gemütlichen Terasse eines typischen ungarischen Restaurants. Es gibt reichlich Fleisch, das Essen ist lecker.
Gegen 14.00 Uhr erreichen wir die rumänische Grenze und wir werden an den letztjährigen krassen Übergang von Finnland zu Russland erinnert. Die Grenzbeamten fragen uns nach unserem Ziel und nicken verständig mit einem "Aha!" als ihnen Charlotte "across the country, Istanbul and Black Sea" erklärt. Der Grenzbereich macht einen schmutzigen Eindruck. Wir halten direkt an einer der zahlreichen Vignetten- und Exchange Buden, die sich übergangslos aneinander reihen. Der rumänische Vignettenverkäufer ist so langsam und umständlich, dass man den Eindruck hat, in der Zeit könnte man auch komplette LKW Ladungen deklarieren und verzollen. Sofort werden wir von Straßenverkäufern angesprochen, die extrem günstige Smartphones, Holzarbeiten, Pornohefte und allerlei anderen Kram anbieten. Okay, wir haben die freundlichen, frischen und sauberen Länder verlassen.
In meinen Reisenotizen für Rumänien steht kurz und bündig, Licht an, 0,0 Promillle, super schlechte Straßen, viele Verkehrstote und Vorsicht am Geldautomaten. Der Hinweis zum Straßenzustand bewahrheitet sich sofort.
Die Straßen bieten extreme Schlaglöcher, weshalb eine konzentrierte Fahrweise gefordert ist. Alle paar Kilometer werden die Landstraßen immer wieder von Baustellen mit einspuriger Verkehrsführung unterbrochen. Schnell lernen wir, dass die Ampelphasen wohl großzügig bemessen sind. Hier spielen sich Szenen ab, die man als braver deutscher Autofahrer kaum glauben mag. Zehn Autos sind schon an einer Baustellenampel bei Rot zum stehen gekommen. Von Hinten schießen linksseitig noch bis zu fünf Pkw an der wartenden Schlange vorbei und ignorieren in Suizidmanier das rote Licht. Irgendwie scheint es immer wieder zu funktionieren. Später werden wir auch mutiger, was diese Ampeln betrifft.
Gegen 17.30 Uhr verlassen wir die Straßen der roten Kategorie und wechseln auf noch kleinere Straßen, die auf der Karte als weiße Linien dargestellt sind. Wir erwarten jetzt noch schlechtere Straßenverhältnisse, sind dann aber positiv überrascht. Es gibt hier zumindest nicht mehr so viele Baustellen.
Die Ortschaften und die Landschaft bieten nun auch etwas für das Auge. Irgendwie charmant und oft möchte man für ein paar Fotomotive anhalten. Zahlreiches Vieh wird über die Straßen getrieben, Schafherden kreuzen, wilde Hunde versuchen Chickforce1 anzugreifen und immer wieder gibt es tolle belebte Storchennester zu bestaunen. Die GoPro Kamera läuft immer häufiger mit und es fängt an wieder Spaß zu machen.
Beim Mittagessen hatten wir uns entschieden, dass wir noch das rumänische Naturwunder, einen unterirdischen Gletscher bzw. eine Eisgrotte besichtigen wollten. Wir steuern deshalb in die Apuseni Berge, Ausläufer und Vorboten der Karpaten.
Wir befahren eine sensationelle Serpetinenstrecke und es geht steil bergauf. Das ist nicht die Stärke von unserem treuen Rallyeauto und es ist ein Spiel zwischen Schwungholen und bloß nicht zu früh bremsen. Wir halten auf ca. 700 m für einen grandiosen Fotospot mit reichlich Panorama und ein bisschen Kuh.
Die nächsten 100 Höhenmeter werden dann für uns erst einmal die letzten unbeschwerten Kilometer des Black Sea Circle sein. Klar, der 124er hatte noch nie so wirklich eine grandiose Beschleunigungsleistung, aber was uns nun überrascht ist nicht wirklich komisch. Innerhalb von maximal 2 Sekunden fällt plötzlich die Motorleistung auf Null und die Maschine schaltet sich aus. Es reicht gerade noch um auf einem Schotterstreifen an der Serpetinenstrecke rechts heran zu fahren. Aus! Einen Moment warten und noch mal den Motor anlassen. Funktioniert nur für einen kurzen Moment. Wieder aus!.
Wir bauen eins unserer Warndreicke auf und rufen per Handy die Frankenschleicher an. Tom, Uwe und Carsten waren uns schon gut 10 Kilometer voraus und kehren sofort um. Sensationell, ein toller Zusammenhalt, insbesondere angesichts der Tatsache, dass wir insgesamt schon spät dran sind.
Was nun folgt sind fachkundige Diagnosen und Erzählungen zum Fahrverhalten. Die drei Jungs haben echt Ahnung und versuchen mittels Abschrauben der Einspritzzufuhr der einzelnen Ventile eine Art Fehlerausschlussverfahren. An vier Ventilen kommt Diesel an, die fünfte Zufuhr lässt sich mit unseren Mitteln nicht abschrauben und bleibt eine Mutmaßung. Wir besprechen mögliche Vorgehensweisen und schnell wird klar, dass uns die Jungs nicht im Stich lassen wollen. Einfach nur großartig, schließlich kennen wir uns erst seit zwei Tagen!
Wir entschließen uns dazu den Wagen wieder bergab zu bewegen. Mittlerweile lässt sich der Motor wieder starten. Das sollte für die Servolenkung und die Bremsen ausreichen. Es ist so 18.00 Uhr und wir wollen eine Werkstatt suchen. Den ADAC anrufen und darauf hoffen, dass die rumänischen Schrauber diesen Fehler an diesem Auto irgendwie schon kennen. Uwe, Tom und Carsten sind sich so sicher, dass das genau so laufen wird. Sie kennen das alles schon von ihren Afrika Erfahrungen. Eine rumänische Werkstatt braucht keinen Bosch Dienst um irgend etwas wie eine Einspritzpumpe einzustellen, das machen die einfach mit "Nase - Bauch - Gefühl" in dem an ein paar Schräubchen gedreht wird. Soweit zu der optimistischen Theorie. Wir bleiben erstaunlich gelassen. Uwe, der einen solchen Wagen auch schon einmal nach Banjul gefahren hat, unternimmt einmal eine Probefahrt mit Chickforce1, steigt danach aus und verneigt sich vor uns. Seiner Einschätzung nach ist es ein Wunder und eine fahrerische Meisterleistung mit dieser Motorleistung überhaupt schon einmal um die Ostsee und bis hierhin gefahren zu sein. Irgendwie ein komisches Gefühl. Der 124er scheint in unserem Besitz noch nie seine wahre Leistung gehabt zu haben. Alle tippen auf den Dieselfliter, die Einspritzdüsen oder gar die Einspritzpumpe. Ja richtig, wir erinnern uns, im vergangenen Jahr machten wir uns den Spaß mit dem vertankten Rapsöl. Möglicherweise war das keine Spitzenidee?! Aber das ist jetzt alles nur Kaffeesatzleserei.
Wir fahren gemeinsam in den Ort Stei und entdecken dort eine noch geöffnete Kfz Werkstatt (Auto Spesie). Wir wollen unser Auto nicht einfach irgendwo abgeben und der Plan sieht es nun eigentlich vor, den ADAC um Rat und Hilfe zu bitten. Doch ein paar Dinge fangen jetzt einfach an ganz rund zu laufen. Charlotte entdeckt ein direkt neben der Werkstatt gelegenes Hotel und sucht dort nach einem Dolmetscher. Ein Österreichischer Busfahrer - ärgerlich, wir haben nie nach seinem Namen gefragt - spricht fließend rumänisch, lässt sein Essen kalt werden und fängt an uns behilflich zu sein. Der Werkstattmeister tippt auf den Dieselfilter, verschwindet hinter der Werkstatt und baut dort aus einem alten Mercedes einen solchen Filter aus und bei uns ein. Das bringt leider nicht den gewünschten Erfolg und wir landen wieder bei den Düsen und/oder der Pumpe. Ich unternehme noch eine weitere Probefahrt mit dem rumänischen Werkstattmeister und merke ihm auch ohne rumänische Sprachkenntnisse an, dass er von der Motorleistung von Chickforce1 nicht gerade begeistert ist.
Wir fassen einen Entschluss und verabreden folgenden Plan. Der rumänische Werkstattmeister bestellt noch heute Ersatzdüsen auf Vorrat sowie einen nagelneuen Dieselfilter. Wir bekommen für 9.00 Uhr am nächsten Morgen einen Werkstatttermin und er will dann bis 12.00 Uhr Mittags den ganzen Kram erneuert haben. Sollte es dann keine Besserung geben müsste er die Einspritzpumpe ausbauen und zu einer Fremdfirma zur Reparatur übergeben. Dafür müssten wir zwei Tage veranschlagen. Weil wir dann aber auf Dritte angewiesen sind ist die ganze Sache nicht mehr verlässlich. Die Einspritzdüse werden wir frühstens in Istanbul erneuern lassen. Klingt nach einem Plan, oder?
Wir bedanken uns bei allen Helfern und Begleitern und verabschieden die Frankenschleicher und den Atlantis Cruiser. Wir versprechen uns ein Wiedersehen am 14.08. in Istanbul. Carsten meint, dass er es spürt, dass wir gemeinsam den Kaukasus erklimmen. Okay, dann wird das so sein!
Das läuft doch ganz prima zumal wir ja ein Hotel direkt neben der Werkstatt haben. Okay, so einfach kommen wir jetzt aber doch nicht davon. Das Hotel ist ausgebucht und wir müssen uns leider von unserem Busfahrerdolmetscher verabschieden ohne ein paar Getränke ausgegeben zu haben, schade!
Es ist mittlerweile dunkel in Rumänien und auf den dreckigen Straßen der Stadt herrscht noch reges Leben. Fängt so nicht die "Rocky Horror Picture Show" an?
Wir haben eine grobe Beschreibung für ein weiteres Hotel. Wir irren durch Stei und werden einfach nicht fündig. Einheimische geben uns keine Auskunft. Ich entere eine Polizeistation (Politia).Total nette Leute dort! Das gesuchte Hostel ist unbeleuchtet und liegt direkt gegenüber der Polizeiwache. Der Polizist spricht ein wenig englisch und macht deutlich, dass er uns das Hostel nicht empfehlen möchte. Wir schauen es uns gemeinsam an. Eine Zimmerbesichtigung gemeinsam mit einer Doppelstreife. Das macht das Zimmer aber nicht wirklich besser. Wir lassen uns den Weg in eine andere Stadt beschreiben. Dort soll es ein weiteres Hotel geben. Auf dem Weg dorthin kann ich der Versuchung nicht wiederstehen eine weitere kleine Pension zu besichtigen. Wieder Fehlanzeige. Beißender Geruch von irgendwas bei schäbigsten Toiletten und klapprige Einzelpritschen. Die rumänische Vermieterin will mich noch mit einem Fernseher MIT Fernbedienung ködern, schließt noch das Fenster um zu beweisen wie ruhig dieses Zimmer doch sein kann, wird dann aber doch von mir zurückgelassen. Dann doch lieber im Auto schlafen.
Weiter geht es und ein Traum geht in Erfüllung. Wir finden "Motel Laguna". Für hiesige Verhältnisse ein Wellnesstempel mit Pool. Freundliche Leute servieren Corona Bier mit Steaks, Pommes und einem Salat. Wir grinsen uns an und wissen, dass das der Grund dafür ist, dass wir das alles auf uns nehmen.
Wir dürfen den Wagen direkt auf dem verschlossenen Grundstück direkt neben dem Pool parken. Das Zimmer ( Nummer 1 :-) ist sauber und ordentlich. Wir duschen, laden unterschiedliche Devices auf und fallen wie die Steine in die Betten.
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