13.08.2014 (977 Km)
Guten Morgen Belgrad, wir starten pünktlich um 08.00 Uhr von unserem grandiosen Hotel. Natürlich werden wir heute Highway-Joker einsetzen, wir müssen Strecke machen. Wir hoffen auf relativ flache Autobahnen auf unserem Weg in die Türkei. Wie oft wollte ich schon einmal nach Isttanbul gereist sein. Wird sich mein Wunsch am heutigen Abend erfüllen? Das erklärte Tagesziel ist und bleibt Constantinopel. Schon mit den ersten Kilometern schleicht sich schon wieder die bange Frage in den Kopf, wird der Motor mitmachen?
Ohne den Leser langweilen zu wollen, bleibt das Fahren mit Chickforce1 weiterhin ein großes Taktikspiel zwischen Schwungholen und bloß nicht an Steigungen das Gas wegnehmen. Der einzige Vorteil, den ich diesem Nervenkitzel abgewinnen kann ist die Tatsache, dass man als Fahrer nicht müde wird.
Immer wieder spürt man mit zunehmender Temperatur und zurückgelegter Wegstrecke einen dramatischen Leistungsabfall. Das liebevolle Tätscheln des Amaturenbretts, immer dann, wenn der 124er wieder eine Steigung erklommen hat, wirkt auf Außenstehende sicherlich etwas sonderlich. Wir sind aber einfach dankbar für jeden Kilometer.
Der Grenzübertritt nach Bulgarien verläuft wieder unspektakulär und ohne größere Wartezeiten. Man muss nur den Schneid haben, sich an den wartenden LKW Kolonnen vorbeizudrängeln.
Die Vignettensammlung in der rechten unteren Ecke der Frontscheibe wächst um einen weiteren Aufkleber obgleich wir kurze Zeit später wieder die Autobahn verlassen müssen. Bei einer erneuten Zwangspause zur Schonung des Motors stellen wir fest, dass sich an dem hinteren rechten Reifen ein dreieckiges Stück Gummi auf der Lauffläche gelöst hat und auch schon ein bisschen des metallischen Innenlebens zu erkennen ist. Wir bilanzieren, dass die diesjährige Reise schon etwas anders verläuft als die glückliche Ostseeumrundung, aber wir können gelassen bleiben. Die Run Flat Bereifung von Conti zahlt sich nun wirklich aus. Mit einem anderen Reifentyp würden wir jetzt bei munteren 35 Grad im Schatten damit beginnen ein Reserverad aufzuziehen. Wir können mit dieser Spitzenbereifung dagegen die Reise einfach fortsetzen.
Um 19.30 Uhr spitzen sich die Ereignisse dann mal wieder zu. Ja, es ist schon zu erahnen, die Geschichte spielt sich auf einer kurvigen bergauf Strecke ab. Mir steht der Schweiß nicht nur auf der Stirn als ich bemerke, dass gleich wieder kompletter Generlastreik im Dieselkraftwerk von Chickforce1 eintreten wird. Der Wagen kann an keiner gefährlicheren Stelle liegenbleiben. Direkt hinter einer lang gestreckten nicht einsehbaren Kurve kommen wir zum Stehen. Mir ist sofort klar, dass hier jeder motorisierte Verkehrsteilnehmer so richtig Schwung holen muss um die lange Steigung zügig zu meistern. Eine wirklich brenzlige Situation, die das Potential hat in einem schweren Auffahrunfall zu enden. Während ich mir schnell eine Warnweste überstreife, reicht mir Charlotte schon ein halbfertig gebasteltes Warndreieck. Ich schaue in den Rückspiegel, stehle mich aus dem Auto und laufe bergab, das Warndreieck weit von mir gestreckt. Mir schießen LKW, Busse und Pkw entgegen, die allesamt nach links ausweichen müssen. Es geht alles gut. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich die Kurvenkrümmung gemeistert habe. Jetzt sollte alles abgesichert sein. Noch während meiner Warnaktion nehme ich wahr, dass hinter unserem Wagen ein VW Van angehalten hat. Wir sind in Bulgarien unterwegs und es gibt ernsthafte Reisewarnungen, dass man genau solche Situationen meiden soll. Na super! Ich laufe zurück zum Auto. Aus dem Van hat sich eine türkische Großfamilie geschält, die alle etwas behäbig in der Gegend rumstehen, als würde man sich auf einem Parkplatz zum Picknick treffen. Das Familienoberhaupt fragt, ob man uns helfen kann. Man spricht deutsch. Ich stelle in Aussicht, dass wir uns über ein Abschleppen über die nächste Bergkette freuen würden. So weit geht die Hilfsbereitschaft dann nicht. Vati erzählt etwas von einem alten Zahnriemen. Aha! Die Familie steht herum und schaut uns an. Irgendwie eine bizarre Situation, die noch mehr Unterhaltungswert in petto hat, als die Kinder angewiesen werden, den kompletten Familienmüll in die Fahrbahnböschung zu werfen.
Ich erkläre, dass wir nach Abkühlung des Motors einen neuen Startversuch unternehmen werden, ich dafür aber genügend Raum für den Startlauf benötige. Die Familie macht keine Anstalten den ungemütlichen Ort zu verlassen. Ich werde deutlicher und bitte die Truppe nun den Weg frei zu machen. Das wirkt, alle klettern in den Van und der Spuk endet.
Unser 124er springt nun tatsächlich auch wieder an, wir stottern über den Berg und weiter geht die unzuverlässige Fahrt.
Wir erreichen die türkische Grenze bei Dunkelheit. Es gibt mehrere Abfertigungsphasen für Personen, für den Pkw und für den Zoll. Wir sind schon lange unterwegs, aber wir sind belastbare Abenteurer. Ein Zöllner gibt uns zu verstehen, dass wir uns in Halle 3 einfinden sollen. Wir fahren langsam weiter und erkennen an der rechten Straßenseite größere Hallenkomplexe, die tatsächlich nummeriert sind. In Halle 3 erklärt uns ein türkischer Zöllner wo wir den Wagen abstellen sollen. An der Wand stehen riesige Metallregale, allesamt leer. Hier sollen wir nun alle unsere Sachen aus dem Wagen reinräumen. Wir sind als Team sehr "Grenzerfahren" und bewahren wieder große Ruhe. Wir nutzen die Gelegenheit einmal komplett Ordnung zu schaffen. Alles wandert aus dem Auto bzw. vom Dach in die Regale. Ich hätte mir für 22.00 Uhr an der Grenze einfach nichts besseres vorstellen können. Allerdings überträgt sich unsere Gelassenheit. Schließlich haben wir auch nichts zu verbergen. Der Zöllner wird freundlicher und neugieriger was die Rallye betrifft. Schließlich ist er irgendwann zufrieden und hat auch nichts auszusetzen. Wir dürfen wieder einpacken. Es sind noch 200 Kilometer bis Istanbul, jetzt kann egentlich nichts mehr schiefgehen.
Wir erreichen die Mega City gegen Mitternacht und stellen fest, dass der Straßenverkehr in der Stadt im Grunde genommen Krieg bedeutet. Hier wird gedrängelt, gehupt und die Vorfahrt genommen was das Zeug hält. Wir fahren über eine der Bosporus Brücken und können es kaum glauben, dass hier zu dieser Uhrzeit die Fahrzeuge dicht an dicht stehen und drängeln. Wir wechseln auf die asiatische Seite der Stadt und werden dort von einem familiären Freund in Empfang genommen. Wir hatten uns telefonisch angekündigt. Er lotst uns durch das Gewühl zu einem kleinen kultigen Straßenrestaurant. Weit nach Mitternacht haben wir ein geniales türkischen Essen und ich trage dabei einen kleinen Machtkampf mit einer bettelnden Katze um mein Essen aus.
Wir sind nach den knapp 1000 Kilometern so dankbar, dass wir nun eine private Unterkunft ansteuern können um uns am kommenden Morgen dem Werkstatttermin widmen zu können.
Zudem haben wir Istanbul erreicht, das Etappenziel für den morgigen Tag. Wir werden also die morgige Tagesaufgabe lösen können, denn die hat nichts mit dem Auto zu tun! Wir freuen uns, dass wir am morgigen Tag sicherlich weitere Teams treffen werden und gönnen uns eine sehr verdiente Portion Schlaf.
Anmerkung in eigener Sache: Nach vielen Nachfragen glauben wir, dass es den Bedarf einer Erklärung zur Etappe Istanbul gibt. Der diesjährige Black Sea Circle ist darauf aufgebaut, dass man Istanbul insgesamt zweimal ansteuert. Der derzeitige Aufenthalt ist also Roadbook konform sowie im Zeitplan und am 24.08. wird es zur zweiten Einfahrt nach Constantinopel für die ultimative Finish-Party kommen. Wir sind also noch lange nicht am Ziel!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.